Wie gefällt Ihnen der Artikel?
3
Wie gefällt Ihnen der Artikel?
3

US-Gericht bestraft Online-Händler: Urteil für mehr Barrierefreiheit im Netz

Der US-Amerikaner Juan Gil hat die Supermarktkette Winn-Dixie verklagt, da er als sehbehinderter Mensch den Onlineshop des Unternehmens nicht nutzen konnte. Ein Gericht in Florida gab ihm Recht: Winn-Dixie wurde zur Nachbesserung verpflichtet. Der Richter Robert Scola sah einen Verstoß gegen den Americans with Disabilities Act (ADA) gegeben.

Um durch das Web surfen zu können, nutzt Gil, dessen Blindheit auch gesetzlich anerkannt ist, eine Software zur Sprachausgabe. Die Texte der Website werden dadurch akustisch wiedergegeben. Das klappt in vielen Fällen sehr gut, doch beim Besuch auf www.winndixie.com ließ sich das Programm nicht einsetzen. Denn die Website entsprach nicht den Grundsätzen der Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.0. Somit konnte der Kläger den Service nicht nutzen und fühlte sich zu Recht benachteiligt.

Hinweis

Beim Webdesign auf die WCAG zu achten, verhindert nicht nur die Diskriminierung bestimmter User-Gruppen, sondern ist auch aus Gründen der Suchmaschinenoptimierung sinnvoll.

Gil wollte die Seite der Einzelhandelskette eigentlich nutzen, um Medikamente zu bestellen und die Öffnungszeiten der Ladenlokale zu recherchieren. Beides war ihm aufgrund der Programmierung der Website allerdings unmöglich. Vor Gericht musste man nun klären, ob der Internetauftritt von Winn-Dixie überhaupt durch den ADA betroffen ist.

Was ist ADA und für wen gilt er?

Der Americans with Disabilities Act ist ein US-amerikanisches Gesetz aus dem Jahr 1990, das die Diskriminierung aufgrund von Behinderung im öffentlichen Leben bekämpfen soll. Das Gesetz regelt die Gleichbehandlung bei Fragen der Anstellung (Title I), Gleichberechtigung durch öffentliche Träger (Title II) und die Barrierefreiheit in öffentlichen Herbergen, Gaststätten und Theatern sowie kommerziellen Einrichtungen (Title III). Der Begriff Barrierefreiheit im Sinne des ADA bezog sich zwar ursprünglich auf einen behindertengerechten Zugang zu Räumlichkeiten, wird aber in den USA inzwischen auch vermehrt in Bezug auf Website-Nutzung verwendet.

Für das Gericht war deshalb bei der Urteilsfindung wichtig:

  1. Ist die Website von Winn-Dixie nach Title III ein solches öffentliches Angebot?

  2. Konnte der Kläger den Service nicht im vollen Umfang nutzen?

  3. Sind die Anforderungen an die Website in einem angemessenen Rahmen für das Unternehmen umsetzbar?

Weshalb wurde Winn-Dixie verurteilt?

Für die erste Frage war vor allem entscheidend, dass Winn-Dixie auch Ladenlokale betreibt. Laut Richter sei die Website eng mit den physischen Shops verknüpft und würde für viele den ersten Zugang zu den Ladengeschäften bilden. Der gleiche Grund wurde bereits vor mehr als 10 Jahren bei einem Prozess gegen die Website der Modekette Target angeführt. Das bedeutet im Umkehrschluss allerdings auch, dass nicht jede Website, die sich an Kunden richtet, den Auflagen des ADA gerecht werden muss. In der Vergangenheit hatten US-amerikanische Gerichte bereits beschlossen, dass reine Online-Angebote wie Facebook und YouTube nicht unter den ADA fallen.

Laut dem Gesetz zur Gleichstellung müssen Menschen mit Behinderung Güter, Einrichtungen, Privilegien, Vorteile und Beherbergung in gleichem Maße nutzen können, wie es auch anderen nichtbehinderten Menschen erlaubt ist. Gil hatte vor Gericht argumentiert, dass er aus Gründen der Privatsphäre und wegen der günstigeren Preisen, Medikamente bei Winn-Dixie lieber online bestellen würde. Sehbehinderten Menschen ist es zudem nicht möglich, Coupons der Website runterzuladen. Somit war für das Gericht auch Frage 2 beantwortet und eine Diskriminierung gegeben.

Winn-Dixie blieb daraufhin noch die Option, die Änderungsarbeiten an ihrer Website als unzumutbar darzustellen. Dazu führten Sie an, dass die Umrüstaktion mindestens 250.000 $ kosten würde. Für das Gericht ein keinesfalls unzumutbarer Preis. Schließlich hatte das Unternehmen erst kürzlich 7 Millionen $ für einen Relaunch der Seite ausgegeben. Die Mehrkosten würden laut Richter daher nicht übermäßig ins Gewicht fallen. Zudem hat ein unabhängiger Experte für digitale Barrierefreiheit vor Gericht ausgesagt, dass er die erforderlichen Kosten auf nur rund 37.000 $ schätzt.

Das Urteil verpflichtet Winn-Dixie nun dazu, die Website an WCAG 2.0 anzupassen sowie die Anwaltskosten des Klägers zu tragen. Winn-Dixie hat allerdings bereits angekündigt, das Urteil anzufechten.

Rechtslage in Deutschland

In den USA ist die Gesetzeslage noch strittig: Bisher wurde immer nur in Einzelfällen entschieden, ob der ADA auch für Websites gilt. Unterschiedliche Gerichte sind dabei zu unterschiedlichen Urteilen gekommen. Das Department of Justice liefert bisher noch keine klaren Rechtsnormen hinsichtlich der Barrierefreiheit für Websites, obwohl sich die Arbeiten an den entsprechenden Gesetzen schon seit 7 Jahren hinziehen.

In Deutschland gelten Gesetze zur Barrierefreiheit von Websites nur für Onlineauftritte der Bundesverwaltung. Die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV) wird allerdings von vielen Landesgesetzen übernommen. Im privatrechtlichen Raum gelten diese Gesetze nicht. Die Urteile in den USA stehen aber beispielhaft für ein Umdenken in der Gesellschaft, die das World Wide Web als wichtigen Teil des Lebens wahrnimmt, der auch für Menschen mit Behinderungen von großer Bedeutung ist. Deshalb ist davon auszugehen, dass das Thema künftig für die Justiz eine immer wichtigere Rolle spielen dürfte.

Barrierefreies Internet beschreibt den Ansatz, auch Menschen mit Behinderungen die Benutzung von Websites zu ermöglichen. Hör- und sehbehinderte Internetnutzer sind oftmals auf Strukturen und Funktionen angewiesen, die noch nicht zum Standard bei der Erstellung von Websites und deren Inhalten gehören.

Text muss beispielsweise von Screenreadern korrekt ausgelesen werden können, damit entsprechende Geräte die Textinhalte maschinell vorlesen oder über eine Braillezeile ausgeben können. Auch Bildinhalte sollten für Menschen mit geringem oder gar keinem Sehvermögen nachvollziehbar sein: Dafür müssen die Grafiken über einen alternativen Text verfügen, der vom Hilfsprogramm verarbeitet werden kann. Audiodaten und Videos hingegen müssen mit Untertiteln ausgestattet sein, damit auch Internetnutzer ohne Hörvermögen sie erfassen können.

Zielgruppen Usability